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Zur Geschichte von Georg Lang sel. Erben

Oberammergau ist in aller Welt ein Begriff - in erster Linie der Passionsspiele wegen, die dort seit 1634 alle zehn Jahre aufgeführt werden. Dass die Gemeinde am Fuße des Kofels auch als Schnitzerdorf Weltgeltung erlangte, daran hat die Firma Georg Lang sel. Erben maßgeblichen Anteil.

Der Firmengründer:

1775 gilt als Gründungsdatum des Betriebs. In diesem Jahr heiratete Georg Lang (1747-1821), Sohn eines Oberammergauer Schreiners und Rahmenmachers, die Wetzsteinmacherstochter Katharina Schärfl aus Unterammergau. Nachdem er zuvor in der Schweiz als Kraxenträger für einen Luzerner Buchhändler unterwegs gewesen war, machte er sich nunmehr in seinem Geburtsort ansässig und verdiente den Lebensunterhalt für sich und die in der Folgezeit rasch wachsende Familie in seinen erlernten Berufen als Schnitzer, Glas- und Fassmaler. Mit dem Ausbau seines Kundenkreises an Groß- und Wanderhändlern stieg auch die Nachfrage nach seinen Schnitzwerken und Hinterglasbildern. Als er diese allein nicht mehr befriedigen konnte, griff Georg Lang vermehrt auf Produkte seiner Oberammergauer Berufskollegen zurück. So entwickelte sich sein Handwerksbetrieb allmählich zu einem kleinen Handelsunternehmen. Georg Lang war ein Holzschnitzwarenverleger geworden, der sich auch in prekären Situationen seinen Humor bewahrte und zahlungssäumige Geschäftspartner in Briefen mit den Worten mahnte: „Schicken Sie mir Geld, damit ich lustig sein kann in der Welt.“

Der Firmenname

Die Bezeichnung „Georg Lang sel. Erben“, unter der das Unternehmen nach dem Tod des Firmengründers 1821 weitergeführt wurde, blieb bis heute erhalten. Damals war dies ein durchaus üblicher Geschäftsname, den man wählte, wenn die Hinterbliebenen eines verstorbenen (=seligen) Inhabers den Betrieb übernahmen.

Die Firmeninhaber: (in Klammern die Lebensdaten)

1775-1821: Georg Lang (1747-1821)
Georg Lang
   
1821-1825: Erbengemeinschaft: Witwe und Kinder von Georg Lang  
   
1825-1858: Johann Evangelist Lang (1798-1874)
Johann Evangelist Lang
   
1858-1876: Eduard (1828-1859) und Maria Lang (1827-1876)
Eduard Lang
   
1876-1881: Erbengemeinschaft: Kinder von Eduard und Maria Lang  
   
1881-1921: Guido Lang (1856-1921)
Guido Lang
   
1921-1950: Hertha (1896-1943) und Ricca Lang (1870-1950)
Hertha LangRicca Lang
   
1950-1955: Erbengemeinschaft Buchmüller: Nichten und Neffen von Ricca Lang  
   
1955-1965: Lina Buchmüller (1882-1970)
   
1965-2006: Richard Lang (1920-2006)
Richard Lang
   
seit 2006: Florian Lang (*1958)
Florian Lang


Die Betriebsformen

Der kleine Verlag von Georg Lang entwickelte sich unter dessen Sohn und Nachfolger Johann Evangelist Lang zum führenden Handelshaus des Orts, das eine Hundertschaft von Heimarbeitern beschäftigte. Mit den großen Werkräumen, die Guido Lang, der Urenkel des Firmengründers, Ende des 19. Jahrhunderts in den eigenen vier Wänden schuf, wurde es auch selbst wieder zur Produktionsstätte. Nachdem der Betrieb bereits über hundert Jahre als Familienunternehmen bestanden hatte, spielte man in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der OHG über die AG bis zur KG verschiedenste Formen von Handelsgesellschaften durch. 1956 ließ sich die Firma schließlich als „Einzelkaufmann“ ins Handelsregister eintragen.

Die Produktpalette

Die Schnitzwaren, die Georg Lang und seine Nachfolger selbst fertigten bzw. produzieren ließen, wandelten sich im Laufe der Zeit. In einem Tal der bayerischen Voralpen saßen keine von der Außenwelt abgeschotteten Schnitzer, die völlig autark und nach eigenem Gutdünken über Jahrhunderte hinweg immer die gleichen Gegenstände fertigten. Die Oberammergauer erwiesen sich vielmehr stets auf der Höhe der Zeit, griffen alle Anregungen und Modeströmungen auf. Dies mussten sie auch, waren doch ihre Erzeugnisse keine lebenswichtigen Güter, sondern Luxusartikel, die nur Absatz fanden,wenn sie in Stil und Motivik dem jeweiligen Zeitgeschmack entsprachen. Um 1800 stellte man hauptsächlich religiöse Kleinplastiken und Spielzeug her - alles bunt lackiert. Naturbelassen blieben dagegen die seit den 1830er Jahren auf den Markt gebrachten miniaturhaften Feinschnitzereien, bei denen Farbe nur die filigrane Struktur der Figuren und Reliefs überdeckt hätte. Alle nur erdenklichen Nutzgegenstände wurden damit geschmückt: Etuis und Kästchen, Brieföffner und Briefbeschwerer, Pfeifenstopfer und Pfeifenköpfe, Zündholzschachteln und Zigarrenspitzen, Salz- und Pfefferstreuer, Bestecke und Salatscheren. Überwogen hierbei zunächst die profanen Motive, so sollte sich das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem aufkommenden Passionstourismus ändern. Oberammergau wurde mehr und mehr mit religiöser Schnitzerei identifiziert, die bei Georg Lang sel. Erben im Zuge des Historismus in allen Stilrichtungen erhältlich war. Um 1900 arbeitete der Betrieb dabei eng mit Münchner Künstlern zusammen, die entweder wie Jakob Bradl Modellentwürfe für die Serienproduktion der Firma lieferten oder ihre Bildhaueraufträge in der Oberammergauer Werkstatt ausführen ließen, so etwa Anton Pruska die Großplastiken für die Münchner Rupert-Kirche. In den 1960er Jahren verstärkte sich der Trend zum Säkularen wieder: Als Lampen zu nutzende Nachtwächter, Moriskentänzer und Tierreliefs bildeten nunmehr die Verkaufsschlager, während heutzutage vor allem Krippen nachgefragt werden.

Das Firmengebäude

Das Anwesen an der heutigen Dorfstr. 20 ist in seinem Kern eines der ältesten Bauwerke Oberammergaus. Bis 1785 diente es als Amtssitz des „Kloster Ettalischen gefreiten Landgerichts Ammergau“. Seit 1838 beherbergt es die Wohn- und Geschäftsräume von Georg Lang sel. Erben. Immer wieder kam es in der Folgezeit zu Um- und Ausbauten. Am entscheidendsten ins Erscheinungsbild griff die von Guido Lang initiierte Aufstockung 1898 ein: Aus einem zumindest von außen einfach-ländlich anmutenden, zweistöckigen Haus wurde eine herrschaftliche Villa mit vier Etagen unter dem weit vorkragenden Dach mit Krüppelwalm, deren Giebelseite seit 1969 die von Gerhard Ester gemalten Fresken prägen. In dem Gebäude wurde am 21. Januar 1867 der Schriftsteller Ludwig Thoma geboren. Seine Mutter Käthe war eine Schwester der damaligen Firmeninhaberin Maria Lang.

Unser Haus von Gestern bis Heute. Bitte beachten Sie den fehlenden Dorfbrunnen auf dem dritten Bild. Man ist davon ausgegangen, daß der Brunnen zur Passion 1910 stören würde, da die Motorisierung so schnell voranschritt.